Einstellungsgrößen legen fest, wie viel von einer Person oder einem Ort im Bild zu sehen ist. Wer die Einstellungsgrößen sicher beherrscht, steuert Nähe und Distanz, lenkt die Aufmerksamkeit und liefert dem Schnitt genau das Material, das er braucht. Dieser Leitfaden ordnet die gängigen Größen mit ihrer Wirkung ein, erklärt die Perspektiven von der Froschperspektive bis zur Vogelperspektive und zeigt, wie Drittelregel, Blickraum und Handlungsachse ein Bild und eine ganze Szene zusammenhalten.
Was Einstellungsgrößen beschreiben
Maßstab ist in der Regel der menschliche Körper im Verhältnis zum Bildrahmen, die Glossare beschreiben die Größen fast durchweg an Kopf, Oberkörper, Hüfte und Knie. Wichtig ist ein Punkt, den viele Einsteiger übersehen. Es gibt keine verbindliche Norm. Es gibt viele verschiedene Bezeichnungen und Schemata, und die Grenzen zwischen den Einstellungen sind nicht streng.
Ein Beispiel zeigt, wie weit das geht. Die amerikanische Einstellung zeigt eine Person bis etwa zum Knie, manche beschreiben sie als Ausschnitt ab dem Colt beziehungsweise der Hüfte aufwärts, andere setzen sie mit der Halbnahen gleich. Kläre deshalb im Team, was ihr mit welchem Begriff meint. Am sichersten sind Beispielbilder in der Shotlist, dann gibt es am Set keine Missverständnisse. Wie du so eine Liste aufbaust, erklärt der Beitrag zum Thema Shotlist erstellen.
Die Einstellungsgrößen im Überblick
Die folgende Tabelle nutzt durchgehend ein einheitliches Schema, damit die Grenzen in sich stimmig sind. Wo andere Glossare abweichen, steht es darunter.
| Einstellungsgröße | Ausschnitt | Wirkung und typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Supertotale oder Panorama | Landschaft dominiert, Menschen erscheinen verschwindend klein | Einstieg in eine Szene als Establishing Shot, kann Einsamkeit, Isolation und Gefahr, aber auch Freiheit und Weite ausdrücken |
| Totale | Person oder Gruppe vollständig in ihrer Umgebung | Überblick über das Geschehen, die Figuren wirken eher unnahbar |
| Halbtotale | Figuren von Kopf bis Fuß | Gruppen und körperliche Aktion, die Körpersprache ist oft wichtiger als der Dialog |
| Amerikanische Einstellung | Person bis etwa zum Knie | Häufig im Western verwendet, damit Cowboys samt Waffe im Bild sind |
| Halbnah | Vom Kopf bis etwa zur Hüfte | Entspricht der natürlichen Sehsituation, häufig in Dialogszenen |
| Nah | Kopf bis etwa zur Mitte des Oberkörpers | Mimik und Gestik stehen im Vordergrund, typisch für Sprecher in Nachrichten und Dokumentationen |
| Groß | Kopf und Schultern | Mimik steht deutlich im Vordergrund, zeigt Gefühle im Moment ihrer Entstehung |
| Detail | Kleiner Ausschnitt wie Augen, Mund oder ein anderes wichtiges Detail | Kann Intimität erzeugen, aber auch abstoßend wirken |
Andere Glossare ziehen die Grenzen anders. Manche beschreiben die Halbnahe als etwa zwei Drittel des Körpers, die Nahe bis etwa zur Brust und die Großaufnahme als Kopf komplett oder leicht angeschnitten. Andere zeigen in der Halbnahen eine Person etwa ab den Knien aufwärts, die Nahe von der Mitte des Oberkörpers bis zum Kopf und die Großaufnahme als formatfüllenden Kopf.
Eine Sonderform ist die italienische Einstellung. Sie zeigt nur die Augen einer Figur. Ein bekanntes Beispiel findet sich in Sergio Leones Western Spiel mir das Lied vom Tod.
Einstellungsgrößen im Schnitt kombinieren
Einzelne Größen entfalten ihre Wirkung erst im Wechsel. Ein bewährtes Muster beginnt mit einer weiten Einstellung, die den Ort erklärt, und rückt dann näher an Figuren und Handlung heran. Totalen geben Orientierung, nahe Einstellungen transportieren Gefühl und Information. Wenn du eine Szene auflöst, denk deshalb immer in Paaren und Folgen und nicht in Einzelbildern.
Achte auch auf den Ausspielweg. Eine Totale beeindruckt auf dem Fernseher weniger als im Kino, während Großaufnahmen gerade auf kleinen Bildschirmen stark wirken. Für Videos, die überwiegend auf dem Smartphone laufen, lohnt es sich also, näher heranzugehen. Welche Seitenverhältnisse die Plattformen erwarten, erklärt der Artikel zu Social Media Video Formaten.
Eine nähere Einstellung erreichst du auf zwei Wegen: Du gehst mit der Kamera näher heran oder du wählst eine längere Brennweite. Das Ergebnis ist nicht dasselbe. Canon hält fest, dass sich die Perspektive bei einer festen Brennweite nur ändert, wenn die Kamera näher an das Motiv heranrückt oder sich weiter entfernt. Die Perspektive hängt also am Kamerastandort. Wechselst du vom selben Standort nur die Brennweite, änderst du den Ausschnitt, nicht das Größenverhältnis zwischen Vordergrund und Hintergrund. Welche Brennweiten sich für welche Bildwirkung eignen, zeigt unser Überblick zu Objektiven zum Filmen.
Perspektiven: Froschperspektive, Normalsicht, Vogelperspektive
Neben der Größe bestimmt die Höhe der Kamera, wie ein Motiv wirkt. Es gibt vier Grundformen.
Normalsicht
Die Kamera steht auf Augenhöhe der Figuren oder auf Höhe des Geschehens. Das entspricht unserer gewohnten Wahrnehmung und wirkt neutral. Für Interviews und die meisten Dialoge ist sie der Ausgangspunkt.
Untersicht und Froschperspektive
Die Kamera filmt von unten. Personen und Objekte wirken dadurch oft mächtig oder sogar bedrohlich. Die extremste Form ist die Froschperspektive, bei der die Kamera fast vom Boden aus nach oben blickt.
Aufsicht und Vogelperspektive
Die Kamera schaut von oben auf das Geschehen. Menschen wirken dann oft klein, unbedeutend oder hilflos. Die Vogelperspektive als extreme Variante schafft Übersicht und Distanz und kann eine Figur einsam erscheinen lassen. Heute entstehen solche Bilder häufig mit Drohnen, für die eigene Regeln gelten. Mehr dazu im Beitrag Drohne filmen.
Schrägsicht
Eine gekippte Kamera erzeugt einen irrealen Eindruck. Sie wird oft im Horrorfilm eingesetzt oder um das innere Chaos einer Figur sichtbar zu machen.
Keine dieser Wirkungen tritt automatisch ein. Entscheidend sind Stärke des Winkels, Licht, Schnittfolge und Inhalt.
Bildaufbau: Drittelregel und Blickraum
Die Drittelregel ist eine Vereinfachung des Goldenen Schnitts. Zwei senkrechte und zwei waagerechte Linien teilen das Bild in neun gleich große Felder. Die vier Schnittpunkte markieren die wichtigsten Bildbereiche. Wer Augen, Gesichter oder zentrale Objekte in ihre Nähe setzt, lenkt den Blick und erhält meist eine ausgewogene Komposition. Bietet deine Kamera ein Gitterraster im Sucher an, hilft es beim Einrichten.
Für Personen im Bild gibt es drei Abstände, die du im Blick behalten solltest:
- Kopfraum: Über dem Kopf sollte etwas Luft sein. Wie viel, hängt von Einstellungsgröße und Bewegung ab.
- Blickraum: In Blickrichtung sollte mehr freier Raum sein als hinter dem Kopf, damit die Person ins Bild hineinschaut und nicht gegen den Rand.
- Bewegungsraum: Wer sich seitlich bewegt, braucht vor sich mehr Platz als hinter sich, sonst wirkt es, als schiebe die Figur den Bildrand vor sich her.
Diese Regeln sind Werkzeuge, keine Gesetze. Eine streng zentrale Komposition kann genau richtig sein, wenn du sie bewusst wählst.
Handlungsachse und Achsensprung
Zwischen zwei Figuren, die miteinander sprechen, verläuft eine gedachte Linie. Die sogenannte 180 Grad Regel besagt, dass die Kamera auf einer Seite dieser Linie bleiben soll. Nur dann bleibt von Einstellung zu Einstellung erhalten, wer links und wer rechts im Bild steht. Sie gilt auch für Bewegungen, etwa wenn eine Person das Bild verlässt und in der nächsten Einstellung wieder hereinkommt.
Wird die Achse im Schnitt übersprungen, spricht man vom Achsensprung. Die Anordnung der Figuren kehrt sich um, und das Publikum verliert leicht die Orientierung. Dabei unterscheidet man den Seitenachsensprung vom Höhenachsensprung, wobei der zweite weniger desorientierend wirkt, weil das Bild weniger hoch als breit ist.
Du kannst die Achse trotzdem überqueren, wenn der Zuschauer den Wechsel nachvollziehen kann:
- Die Kamera fährt in einer durchgehenden Bewegung über die Achse, etwa mit Dolly oder Steadicam, heute oft auch mit einem Kamera Gimbal.
- Die Figuren ändern ihre Blickrichtung, und es entsteht eine neue Achse.
- Ein Zwischenschnitt auf eine Totale klärt den Raum neu.
- Ein Zwischenschnitt auf eine Großaufnahme ermöglicht eine anschließende Neuorientierung.
Manche Regisseure setzen den Achsensprung bewusst ein. Bekannt ist die Szene aus Der Herr der Ringe, in der Sméagol mit sich selbst streitet und der Sprung über die Achse die gespaltene Persönlichkeit betont. Auch in Werbespots wird er genutzt, um einen rasanten Effekt zu erzielen.
Einstellungsgrößen in der Praxis planen
Lege Einstellungsgröße, Perspektive und Achse schon in der Vorbereitung fest und notiere sie im Storyboard oder in der Shotlist. Wie das gelingt, erklären die Beiträge Storyboard erstellen und Shotlist erstellen. Bei Interviews mit zwei Kameras bietet es sich an, eine weitere und eine engere Einstellung zu kombinieren. So kannst du im Schnitt wechseln und Kürzungen unauffällig lösen. Wenn du eine Kamera für solche Drehs suchst, findest du technische Eckdaten in unseren Kameradaten.
