Ein ND Filter zum Filmen ist im Grunde eine neutrale Sonnenbrille für dein Objektiv. Er schluckt einen definierten Teil des Lichts, ohne die Farben zu verändern. Das klingt unspektakulär, ist beim Videodreh aber oft der Schlüssel zu einem ruhigen, filmischen Bild. Denn anders als in der Fotografie kannst du bei Video die Verschlusszeit nicht beliebig kurz wählen, und an einem hellen Tag bleibt dir ohne Filter nur das Abblenden oder ein überbelichtetes Bild. Hier erfährst du, warum das so ist, wie die Filterstärken zu lesen sind und welche Bauformen es gibt.
Warum du einen ND Filter zum Filmen brauchst
Die Belichtung hängt von drei Größen ab: Blende, ISO und Verschlusszeit. Beim Filmen ist die Verschlusszeit durch eine Faustregel weitgehend festgelegt, die sogenannte 180 Grad Regel. Sie besagt, dass die Verschlusszeit ungefähr 1 geteilt durch die doppelte Bildrate betragen sollte. Bei 24 Bildern pro Sekunde wären das rechnerisch 1/48 Sekunde, an den meisten Kameras stellst du 1/50 ein. Bei 30 Bildern pro Sekunde landest du bei 1/60. Laut PolarPro entsteht so eine Bewegungsunschärfe, die dem natürlichen Seheindruck nahekommt.
Die Regel ist kein Gesetz. Wer bewusst einen harten, stakkatoartigen Look möchte, wählt kürzere Zeiten. Als Ausgangspunkt hat sie sich aber etabliert. Das Problem zeigt sich draußen bei Sonne: Möchtest du mit offener Blende filmen, um den Hintergrund unscharf zu bekommen, ist das Bild bei 1/50 Sekunde und niedrigster ISO schlicht zu hell. Abblenden würde die geringe Schärfentiefe zerstören, die du mit einem lichtstarken Objektiv erreichen wolltest. Genau hier setzt der ND Filter an. Er reduziert die Lichtmenge, damit Blende und Verschlusszeit so bleiben können, wie du sie gestalterisch brauchst.
Ein Rechenbeispiel: Zeigt dir die Kamera bei deiner Wunschblende eine korrekte Belichtung bei 1/1600 Sekunde, du willst aber 1/50 Sekunde nutzen, fehlen dir fünf Blendenstufen, denn 1600 geteilt durch 50 ergibt 32, also fünfmal die Verdopplung. Du brauchst in diesem Fall einen ND32 Filter.
ND Filter Stärken von ND2 bis ND1000
Filterhersteller beschriften ihre Produkte auf drei verschiedene Arten, was anfangs verwirrt. Der Hersteller NiSi erklärt die Systematik so: Der Filterfaktor (ND2, ND4, ND8 und so weiter) gibt an, um welchen Faktor das Licht reduziert wird. Jede Blendenstufe halbiert die Lichtmenge, der Faktor ist also 2 hoch Anzahl der Stufen. Die optische Dichte ist eine logarithmische Angabe, bei der eine Blendenstufe einem Wert von 0,3 entspricht. Ein ND 0.9 ist demnach ein Filter mit drei Stufen, also ein ND8.
| Filterfaktor | Blendenstufen | Optische Dichte | Lichtdurchlass |
|---|---|---|---|
| ND2 | 1 | 0.3 | 1/2 |
| ND4 | 2 | 0.6 | 1/4 |
| ND8 | 3 | 0.9 | 1/8 |
| ND16 | 4 | 1.2 | 1/16 |
| ND32 | 5 | 1.5 | 1/32 |
| ND64 | 6 | 1.8 | 1/64 |
| ND128 | 7 | 2.1 | 1/128 |
| ND256 | 8 | 2.4 | 1/256 |
| ND1000 | 10 | 3.0 | etwa 1/1000 |
Welche Stärke du brauchst, ergibt sich aus der Rechnung oben: Du zählst die Blendenstufen zwischen der gemessenen und der gewünschten Belichtung. Filter lassen sich auch kombinieren, dann addieren sich die Blendenstufen. Jede zusätzliche Glasfläche ist allerdings eine weitere Quelle für Reflexe und mögliche Farbverschiebungen.
Variabler ND Filter und das X Muster
Ein variabler ND Filter erspart dir das ständige Wechseln. Technisch besteht er laut NiSi aus zwei übereinanderliegenden Polarisationsfiltern. Drehst du das vordere Element, ändert sich der Winkel zwischen beiden Schichten und damit die Menge des durchgelassenen Lichts. Gerade bei Reportagen, Hochzeiten oder Drehs mit wechselndem Licht ist das sehr praktisch, weil du die Belichtung stufenlos anpassen kannst, ohne Blende oder Verschlusszeit anzufassen.
Der bekannte Nachteil ist das sogenannte X Muster, auch Kreuzpolarisation genannt. Nähern sich die beiden Polarisatoren dem rechten Winkel, also der höchsten Dichte, erscheint ein dunkles Kreuz im Bild. NiSi erklärt das damit, dass Licht am Bildrand in einem anderen Winkel auf das Glas trifft als in der Bildmitte. Bei Weitwinkelobjektiven fällt das besonders auf. Einige Modelle begrenzen deshalb den Drehbereich. NiSi beschränkt die eigenen variablen Filter bewusst auf eine bis fünf Stufen und empfiehlt, für mehr Dichte zusätzlich einen festen ND Filter aufzusetzen.
Schraubfilter oder Rechteckfilter
Schraubfilter werden direkt in das Filtergewinde vor dem Objektiv gedreht. Sie sind kompakt, schnell angebracht und passen auch auf einen Gimbal, wo jedes Gramm und jeder Zentimeter zählt. Da jedes Objektiv einen eigenen Gewindedurchmesser haben kann, kaufen viele Filmer einen Filter für das größte Gewinde und nutzen für kleinere Objektive Step Up Ringe als Adapter. Welche Gewindegrößen deine Optiken haben, findest du in den Herstellerangaben, einen Überblick zur Wahl von Objektiven zum Filmen findest du in unserem Ratgeber Objektive zum Filmen.
Rechteckfilter kommen vor allem in der professionellen Filmproduktion zum Einsatz. Sie werden in eine Matte Box eingeschoben, die vor dem Objektiv sitzt. Ein verbreitetes Format im Kinobereich ist 4×5.65 Zoll, für das Hersteller wie NiSi feste ND Filter, variable ND Filter, Verlaufsfilter, Polfilter und Diffusionsfilter anbieten. Der Vorteil: Ein Satz Filter passt vor viele Objektive, und der Wechsel geht schnell, ohne am Objektiv zu schrauben. Dafür ist das System größer und schwerer, was es für leichte Setups weniger attraktiv macht.
Eingebaute ND Filter in Cinema Kameras
Viele Kameras, die gezielt für Video gebaut sind, haben ND Filter direkt im Gehäuse. Das ist einer der Punkte, die eine Cinema Kamera im Alltag von einer spiegellosen Fotokamera unterscheiden. Zwei Beispiele aus den Herstellerangaben:
- Sony Electronic Variable ND: Sony nennt einen Bereich von 1/4 bis 1/128, also zwei bis sieben Blendenstufen, stufenlos regelbar auch während der Aufnahme und mit automatischem Modus. Verbaut ist die Technik laut Sony unter anderem in FX6, FX9 und FS7 II.
- Canon EOS C70: Laut den technischen Daten von Canon stehen ND Stufen von 2, 4 und 6 Blenden zur Verfügung, im erweiterten Modus bis zu 10 Stufen.
Kompakte Modelle verzichten mitunter darauf. Die Sony FX3 hat keinen eingebauten ND Filter, anders als die größere FX6. Hier brauchst du externe Filter. Technische Details zu weiteren Modellen findest du in unserer Kameradatenbank, eine allgemeine Einordnung im Beitrag zur Kamera zum Filmen.
Polfilter kurz erklärt
Ein Polfilter ist kein ND Filter, wird aber oft in einem Atemzug genannt. Laut Hoya dient ein zirkularer Polfilter dazu, Reflexionen auf Oberflächen wie Wasser, Glas, Lack oder Blättern zu kontrollieren und den Himmel satter wirken zu lassen. Der vordere Teil des Filters ist drehbar, die Wirkung stellst du ein, während du auf den Monitor schaust. Nebenbei schluckt ein Polfilter Licht. Hoya nennt dafür einen Wert von einer bis zwei Blendenstufen. Als Ersatz für einen ND Filter taugt er deshalb nur bedingt, denn seine Wirkung verändert sich mit dem Drehwinkel und der Richtung zur Sonne.
Praxistipps für den Einsatz
Lege zuerst Bildrate und Verschlusszeit fest, dann die Blende nach gestalterischem Wunsch und die ISO auf den Wert, den du für dein Bild und dein Log Profil vorgesehen hast. Erst danach regelst du die Helligkeit mit dem Filter. Achte beim Filterkauf auf eine möglichst neutrale Farbwiedergabe, denn ein Farbstich lässt sich im Color Grading zwar korrigieren, kostet aber Zeit. Und reinige die Filter so sorgfältig wie deine Objektive, denn Fingerabdrücke und Staub zeigen sich im Gegenlicht sofort.
