Festbrennweite oder Zoom: Die Abwägung beim Filmen

Parfokalität, Umbauzeit und Schwerpunkt auf dem Gimbal entscheiden beim Filmen oft mehr als die reine Bildqualität.

Nahaufnahme eines Objektivs mit farbigen Reflexionen auf der Frontlinse

Festbrennweite oder Zoom ist eine der ersten Fragen, die sich beim Aufbau einer Objektivausstattung stellt. Beim Fotografieren geht es dabei meist um Bildqualität und Lichtstärke. Beim Filmen kommen weitere Punkte hinzu: Wie schnell kannst du am Set umbauen, wie verhält sich das Objektiv auf dem Gimbal, und kannst du während der laufenden Aufnahme die Brennweite ändern, ohne dass die Schärfe verloren geht?

Die Grundlagen zu Brennweite, Bildwinkel und Bajonett erklärt unser Überblick über Objektive zum Filmen. Hier geht es um die Abwägung zwischen beiden Bauarten aus Sicht der Videoproduktion.

Festbrennweite oder Zoom: der Grundunterschied

Eine Festbrennweite hat genau eine Brennweite. Willst du einen anderen Ausschnitt, gehst du näher heran, weiter weg oder wechselst das Objektiv. Ein Zoomobjektiv deckt einen Bereich von Brennweiten ab, etwa von 24 bis 70 mm, und du änderst den Ausschnitt mit einem Dreh am Zoomring. Diese Flexibilität erkauft man sich in der Regel mit einer aufwendigeren Konstruktion. Welche Variante besser passt, hängt weniger von der Bildqualität ab als von der Art, wie du drehst.

Bedenke dabei auch deine Kamera. Welchen Bildwinkel eine Brennweite liefert, hängt von der Sensorgröße ab. An einer Kamera mit kleinerem Sensor wirkt dieselbe Brennweite enger als an einer Vollformatkamera, das beschreibt der Crop Faktor. Eine Festbrennweite, die an Vollformat eine Normalbrennweite ist, kann an einem kleineren Sensor schon leicht tele wirken. Wie sich die Formate unterscheiden, erklärt unser Beitrag zu Sensorgrößen. Plane deine Brennweiten deshalb immer für die Kamera, mit der du tatsächlich drehst.

Lichtstärke

Festbrennweiten sind bei vergleichbarer Größe häufig lichtstärker als Zooms. Ein Beispiel aus dem Canon Programm: Das RF 50mm F1.8 STM hat laut Hersteller eine größte Blende von F1.8, das RF 24-70mm F2.8 L IS USM eine durchgehende Lichtstärke von F2.8. Mehr Lichtstärke hilft dir in dunklen Umgebungen und ermöglicht eine geringere Schärfentiefe. Beim Filmen hat das zwei Seiten. Eine offene Blende macht die Schärfe anspruchsvoller, denn bewegte Motive laufen schnell aus dem scharfen Bereich. Zooms mit durchgehender Lichtstärke haben den Vorteil, dass sich die Belichtung beim Zoomen nicht verändert.

Gewicht und Größe

Einzelne Festbrennweiten sind oft deutlich leichter als ein lichtstarkes Zoom. Laut Canon wiegt das RF 50mm F1.8 STM etwa 160 g. Sony gibt für das FE 24-70mm F2.8 GM II 695 g an und beschreibt es als besonders kompakt und leicht in seiner Klasse. Wer aber mehrere Festbrennweiten mitnimmt, um denselben Bereich abzudecken, trägt am Ende oft mehr als mit einem einzelnen Zoom. Die Rechnung hängt davon ab, wie viele Brennweiten du wirklich brauchst.

KriteriumFestbrennweiteZoom
Lichtstärkehäufig höheroft durchgehend, aber meist geringer
Gewicht pro Objektivoft niedrigeroft höher
Ausschnitt ändernPosition oder Objektiv wechselnam Zoomring, auch während der Aufnahme
UmbauzeitObjektivwechsel nötigkein Wechsel innerhalb des Bereichs
Gimbalstabiler SchwerpunktSchwerpunkt kann sich beim Zoomen verschieben

Zoom während der Aufnahme und Parfokalität

Wenn du während einer laufenden Einstellung zoomen willst, spielt eine Eigenschaft die Hauptrolle: die Parfokalität. Ein parfokales Objektiv bleibt scharf, wenn die Brennweite verändert wird. Für Zooms in der Filmproduktion ist das praktisch Pflicht, denn während des Zoomens gleichzeitig nachzufokussieren ist kaum sauber möglich, vor allem wenn sich Kamera oder Motiv bewegen.

Viele Zooms aus dem Fotobereich sind konstruktiv nicht streng parfokal, sondern varifokal. Bei ihnen kann sich die Schärfe beim Zoomen verschieben. Im Fotoalltag fällt das kaum auf, weil der Autofokus nach jeder Brennweitenänderung neu scharfstellt. Einige Hersteller optimieren aber auch Fotozooms gezielt für Video. Sony gibt für das FE 24-70mm F2.8 GM II an, dass es Focus Breathing, Fokusverschiebung und axiale Verschiebung beim Zoomen reduziert. Ob ein bestimmtes Zoom für Zoomfahrten taugt, zeigt dir ein eigener Versuch mit manuellem Fokus zuverlässiger als jede Werbeaussage.

Eine Festbrennweite kennt dieses Problem nicht, weil es keinen Zoom gibt. Dafür ist sie auf den Ausschnitt festgelegt, den Position und Brennweite ergeben. Ein verwandtes Thema ist das Focus Breathing, also die Änderung des Bildwinkels beim Fokussieren, das bei beiden Bauarten auftreten kann.

Wechselzeit am Set

Bei dokumentarischen Drehs, Events und Interviews mit wechselnden Situationen ist Zeit oft der knappste Faktor. Ein Objektivwechsel dauert, und in dieser Zeit kann der entscheidende Moment vorbei sein. Jeder Wechsel öffnet außerdem das Bajonett und damit den Weg für Staub auf den Sensor. Ein Zoom erlaubt dir, innerhalb seines Bereichs sofort auf eine andere Einstellungsgröße zu wechseln.

Bei geplanten Szenen, in denen jede Einstellung vorbereitet und ausgeleuchtet wird, fällt die Wechselzeit weniger ins Gewicht. Hier können Festbrennweiten ihre Stärken bei Lichtstärke und Gewicht ausspielen. Eine gut vorbereitete Shotlist zeigt dir schon vor dem Dreh, welche Brennweiten du wann brauchst.

Einsatz auf dem Gimbal

Auf einem Kamera Gimbal zählt vor allem, dass der Schwerpunkt stabil bleibt. Ein Gimbal wird für eine bestimmte Kombination aus Kamera und Objektiv ausbalanciert. Ändert sich die Gewichtsverteilung, arbeiten die Motoren gegen das Ungleichgewicht an, und im Zweifel musst du neu ausbalancieren.

Bei Zooms, deren Tubus beim Zoomen ausfährt, verschiebt sich der Schwerpunkt mit der Brennweite. Zooms mit Innenzoom behalten ihre Länge. Sony hebt beim FE 70-200mm F2.8 GM OSS II ausdrücklich hervor, dass der Innenzoom den Schwerpunkt konstant hält. Leichte Festbrennweiten sind auf dem Gimbal besonders unkompliziert, allerdings bedeutet jeder Objektivwechsel auch hier, dass die Balance neu eingestellt werden muss. Wie das geht, erklärt der Beitrag Gimbal ausbalancieren.

Welche Wahl zu deiner Arbeit passt

Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht. Wer schnell auf wechselnde Situationen reagieren muss, profitiert von der Flexibilität eines Zooms. Wer mit wenig Licht arbeitet, auf Gewicht achten muss oder eine sehr geringe Schärfentiefe sucht, findet bei Festbrennweiten oft die passenderen Werkzeuge. Viele Videografen kombinieren beides, etwa ein Standardzoom für den Großteil der Arbeit und ein oder zwei lichtstarke Festbrennweiten für Interviews und Low Light Situationen. Wenn du Objektive gezielt vergleichen willst, findest du technische Daten in unserer Objektivdatenbank. Für Produktionen mit Schärfezieher und Follow Focus lohnt sich außerdem ein Blick auf Cine Objektive.

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