Mikrofon für Video: Typen, Anschlüsse und Pegel

Vom Kameramikrofon bis zur Tonangel: welche Technik sauberen Dialog liefert und wie du richtig aussteuerst.

Interviewdreh im Wohnzimmer mit zwei Kameras auf Stativen, Tonangel und LED Leuchten

Ein gutes Mikrofon für Video ist mindestens so wichtig wie die Kamera, denn verrauschter, hallender oder übersteuerter Ton lässt sich in der Nachbearbeitung nur begrenzt retten. Dieser Überblick erklärt dir die Richtcharakteristiken, die wichtigsten Mikrofontypen für Dreharbeiten, die Anschlüsse XLR und 3,5 mm Klinke, die Phantomspeisung, das richtige Aussteuern und die Aufnahme in 32 Bit Float.

Richtcharakteristiken verstehen

Die Richtcharakteristik beschreibt, aus welchen Richtungen ein Mikrofon Schall aufnimmt und wo es ihn unterdrückt. Der Hersteller Shure nennt für die gängigen Muster folgende Werte.

CharakteristikAufnahmebereichStärkste Dämpfung
Kugelgleichmäßig aus allen Richtungenkeine ausgeprägte
Nierevorne, breitbei 180 Grad, also von hinten
Superniere115 Gradbei 125 Grad
Hyperniere105 Gradbei 110 Grad
Achtetwa 90 Grad vorne und hintenseitlich

Je enger die Charakteristik, desto mehr Umgebungsgeräusch blendest du aus, desto genauer musst du aber auch zielen. Hypernieren sind laut Shure außerdem von hinten deutlich empfindlicher als Supernieren. Für Video spielt zusätzlich die Keulencharakteristik eine große Rolle, die Richtrohrmikrofone erzeugen.

Welches Mikrofon für Video passt zu welcher Aufgabe

Kameramikrofon

Ein Aufsteckmikrofon sitzt im Zubehörschuh und ersetzt das eingebaute Mikrofon der Kamera. Viele Modelle sind gerichtet und nehmen vor allem auf, wohin die Kamera zeigt. Das RØDE VideoMic GO II etwa braucht laut Hersteller keine Batterie und bietet einen 3,5 mm Ausgang sowie USB für Smartphone und Computer. Kameramikrofone eignen sich für Atmo, Reportagen und Situationen, in denen du allein drehst. Für Dialog sind sie meist zu weit vom Mund entfernt.

Richtrohr an der Tonangel

Ein Richtrohrmikrofon hat vor der Kapsel ein Interferenzrohr mit seitlichen Öffnungen. Schall von vorne erreicht die Kapsel auf gleich langem Weg und bleibt erhalten. Schall von der Seite läuft unterschiedlich lange Wege und löscht sich teilweise aus. Je länger das Rohr, desto tiefer reicht diese Wirkung. Unterhalb davon bestimmt die Kapsel selbst die Richtwirkung, meist eine Hyperniere. Shure beschreibt mittellange Richtrohre als Mittelweg, der für die meisten Situationen beim Angeln und für Sprache gut funktioniert.

Ein Beispiel für ein verbreitetes Richtrohr ist das Sennheiser MKE 600 mit Superniere und Keule, XLR Anschluss und zuschaltbarem Low Cut Filter, der laut Sennheiser Windgeräusche mindert. Es läuft mit Phantomspeisung oder laut Hersteller rund 150 Stunden mit einer AA Batterie. Den größten Gewinn bringt ein Richtrohr an der Tonangel. RØDE empfiehlt, von oben zu angeln, knapp außerhalb des Bildes, und die Kapsel auf den Mund und weiter Richtung Boden zu richten. Von unten angeln solltest du nur, wenn es nicht anders geht, und seitlich möglichst gar nicht, weil dann mehr Umgebungsgeräusch in der Aufnahme landet.

Ansteckmikrofon

Ansteckmikrofone, auch Lavalier genannt, sitzen direkt an der Kleidung. Sie bleiben immer im gleichen Abstand zum Mund, auch wenn sich die Person bewegt, und werden deshalb oft im Interview eingesetzt. Das eingebaute Mikrofon im Sender des DJI Mic 2 etwa hat eine Kugelcharakteristik. Empfehlenswert ist ein Abstand von etwa 15 bis 20 cm zum Mund, das Kabel unter der Kleidung zu führen und unter der Kapsel eine kleine Schlaufe zu legen, die Zug und Reibgeräusche abfängt. Achte darauf, dass weder Stoff noch Haare an der Kapsel reiben. Ansteckmikrofone werden oft mit einer Funkstrecke kombiniert, die das Signal drahtlos zur Kamera schickt.

XLR und 3,5 mm Klinke

XLR Verbindungen sind symmetrisch. Das Signal läuft auf zwei Adern mit entgegengesetzter Polarität, am Ziel wird eine davon wieder umgedreht. Störungen, die unterwegs auf beide Adern gleich einwirken, heben sich dabei auf. Das funktioniert nur, wenn beide Geräte symmetrische Ein und Ausgänge haben. Laut dem Audiohersteller Aviom sind unsymmetrische Leitungen auf etwa 15 bis 20 Fuß begrenzt, bevor Störungen zum Problem werden, symmetrische dagegen zuverlässig auf 50 bis 100 Fuß, laut Aviom also etwa 4 bis 6 Meter gegenüber 15 bis 30 Metern.

Die 3,5 mm Buchse an Fotokameras ist ein kompakter Anschluss für Kameramikrofone und Funkempfänger. Sony beschreibt in der Anleitung der Alpha 7 IV, dass die Kamera Mikrofone mit Plugin Power über diese Buchse mit Strom versorgt. Dem XLR Mikrofon MKE 600 legt Sennheiser ein Adapterkabel auf 3,5 mm bei, an einer solchen Buchse läuft es dann mit seiner Batterie. Welche Toneingänge deine Kamera zum Filmen bietet, siehst du in unseren Kameradaten.

Phantomspeisung

Kondensatormikrofone brauchen Strom für ihre Elektronik. Über XLR liefert ihn die Phantomspeisung, die in der Norm IEC 61938 beschrieben ist. Definiert sind die Varianten P12, P24 und P48, die meisten Mikrofone nutzen heute P48 mit 48 Volt. Die Spannung liegt gleichmäßig auf beiden Signaladern und stört deshalb symmetrische Mikrofone nicht, die sie nicht brauchen, darunter die meisten dynamischen Mikrofone. Am Recorder oder XLR Adapter schaltest du die Phantomspeisung pro Kanal ein. Wie sich die Speisung auswirken kann, zeigt das Datenblatt des MKE 600: Mit Phantomspeisung nennt Sennheiser 132 dB maximalen Schalldruck, mit Batterie 126 dB.

Pegel richtig einstellen

Die wichtigste Regel beim Aussteuern formuliert RØDE schlicht: Die Anzeige darf nie 0 dB erreichen, sonst wird das Signal abgeschnitten und verzerrt. Bleib mit dem Pegel deutlich im Minusbereich, der gelbe Bereich der Anzeige ist bereits eine Warnung. Für die Funkstrecken des Herstellers empfiehlt RØDE, dass die lautesten Spitzen etwa zwei Drittel der Anzeige erreichen. Nutze dabei eher die Verstärkung eines guten Mikrofons oder Recorders als den Vorverstärker der Kamera, denn RØDE weist darauf hin, dass eine Pegelanhebung am Mikrofon den Kameravorverstärker entlastet und ein saubereres Signal ergibt.

Ebenso wichtig ist das Mithören über Kopfhörer während der gesamten Aufnahme. Nur so bemerkst du Übersteuerungen, Kleidungsrascheln, Brummen oder ein Flugzeug im Hintergrund, bevor der Take im Kasten ist.

Aufnahme in 32 Bit Float

Einige Recorder und Funkstrecken zeichnen im Format 32 Bit Float auf, darunter Recorder von Zoom, die RØDE Wireless PRO mit interner Aufnahme im Sender und das DJI Mic 2. Laut Zoom enthält das Format über vier Milliarden Amplitudenwerte, der Dynamikumfang reicht praktisch für alles, was am Set vorkommt. Bei Formaten mit geringerer Bittiefe ist eine Übersteuerung endgültig, weil oberhalb der abgeschnittenen Spitzen keine Daten existieren. In 32 Bit Float bleiben diese Daten erhalten.

Das bedeutet nicht, dass du den Pegel ignorieren kannst. Zoom weist darauf hin, dass eine Aufnahme beim Abhören am Gerät oder nach dem Import ins Schnittprogramm trotzdem verzerrt aussehen und klingen kann. Erst in der Nachbearbeitung senkst oder hebst du die Wellenform an und holst die Spitzen zurück. Außerdem hat das Mikrofon selbst eine Grenze, beim MKE 600 eben die genannten 132 dB. Und dein Schnittprogramm muss das Format verarbeiten können. Plane die Dateien auch in der Datensicherung am Set ein, denn 32 Bit Dateien sind größer als 24 Bit Aufnahmen.

Kurz zusammengefasst

Für Dialog gilt: so nah wie möglich an den Mund, ohne ins Bild zu kommen. Das erreichst du mit einem Richtrohr an der Tonangel oder mit einem Ansteckmikrofon, idealerweise mit beidem als gegenseitige Absicherung. Das Kameramikrofon ergänzt Atmo und Hintergrundgeräusche. Achte auf passende Anschlüsse, schalte Phantomspeisung nur dort ein, wo sie gebraucht wird, und höre immer mit.

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